Lerntheorie

Verständnisintensives Lernen

Verständnisintensives Lernen ist eine pädagogische Lerntheorie, die den Ertrag mehrerer aufeinander aufbauender Schulreformansätze bündelt und in die gegenwärtige Lern- und Bildungsforschung einbettet. Was bedeutet Verständnisintensives Lernen? Wir erläutern dies induktiv am Bau einer Seifenkiste  – einem Beispiel aus der Schule [1] -, und zwar zuerst unter einem strukturellen Aspekt (welche Dimensionen unterscheiden wir beim Lernen)  und dann unter einem prozessualen Aspekt (wie kommt und wie bleibt Lernen in Bewegung?).

Struktur des Lernens

Wer an eine „Seifenkiste“ denkt, hat Bilder im Kopf – vielleicht zeigt das „Kopfkino“ auch ein Seifenkisten-Rennen mit Fahrzeugen unterschiedlichsten Aussehens: manche ähneln Rennwagen, andere Go-Carts. Kurz: wir bilden eine Vorstellung von „Seifenkiste“. Wer eine Seifenkiste bauen will, der braucht mehr als die bloße Vorstellung – er braucht einen Plan, der jedes einzelne Element beschreibt, der erkennen lässt, woher man es bekommt und wie die Teile zusammengehören: Räder vom Kinderwagen, Roller, Fahrrad oder Handwagen; Kugellager, Achsen, Lenkung (wie beim Bob, Fahrrad, Auto?), Sitz (Brett oder Fahrradsattel?), Karosserie (Sperrholz ?), Bremsen (braucht man die?). Planen ist eine Aufgabe für die Vorstellungskraft. Am Ende aber braucht es wirkliche Gegenstände, die ihre Funktion erfüllen: die Vorstellungen müssen realitätstauglich werden, müssen Erfahrung und Handeln und unseren besonderen Ansprüchen genügen.

Freilich: aus Rädern, Sperrholz, Achsen, Seilzügen, können auch ganz andere Objekte entstehen – Bewegungsmaschinen, Kunstwerke, wie Jean Tinguely sie gebaut hat. Hier aber geht es um ein Fahrzeug, eine Maschine, die eine bestimmte Leistung auf abschüssiger Straße bringen muss. In das Wechselspiel zwischen Vorstellung und Erfahrung mischt sich daher ein kategoriales, zielbezogenes, rationales Denken ein, eine andere Art zu Denken als das Vorstellungsdenken – in seiner strengsten Form nennen wir es „Begreifen“. Hier geht es um Kriterien und Kategorien, um Verknüpfungen, Urteile, um fach- und sachgerechte Erwägungen. In unserem Fall stammen diese Kategorien aus Maschinenbau und Mechanik, nicht aus der Kunst. Und wenn dann gebaut wird, beginnt ein direktes Wechselspiel mit der physischen Realität, und es gilt, Widerstände zu überwinden, Unklarheiten zu ertragen und am Ziel festzuhalten. Und schließlich müssen wir darüber entscheiden, ob und wann wir den Test mit dem Lehrer riskieren wollen. Zur Struktur des Lernens, die wir hier beleuchten, gehört also – neben der Vorstellung, dem Begreifen, der Erfahrung – eine gleichsam übergeordnete, begleitende, organisierende, kritische Aufmerksamkeit, ein Blick von oben oder außen, der das Ganze optimiert und steuert. Wir nennen das Metakognition.

ViL Modell

Im Zusammenspiel dieser vier Dimensionen – Erfahrung, Vorstellung, Begreifen und Metakognition – gewinnt das Lernen eine ganz besondere Qualität – es wird verstehenstief, anwendungstauglich, wirklichkeitsfest – wir sprechen von „Verständnisintensivem Lernen“. Ein solches Lernen ist nicht reproduktiv und auf die Wiedergabe isolierter Fakten angelegt, sondern aktiv-konstruktiv, auf Zusammenhänge, Sinnbezüge ausgerichtet. Diese Qualität ist gemeint, wenn wir heute in der Bildungs-, Schul- und Lernforschung fordern, das Lernen solle zu „intelligentem“, nicht zu „trägem“ Wissen führen, es solle auf Kompetenz – d.h. auf Anwendbarkeit, Flexibilität, Problemerkennung und -lösung, eigenständiges Denken – und nicht auf bloße Informationsaufnahme und -wiedergabe aus sein.

Lernen als Prozess: Was Lernen bewegt und beweglich hält

Wer so mit anderen zusammen lernt, erlebt ein Lernen mit besonderen Qualitäten. In der neueren Forschung zur Selbstbestimmungs- und Interessentheorie – also zu der Frage, was unser Lernen in Bewegung bringt und in Bewegung hält – wird deutlich, dass es die Erfüllung von drei miteinander verbundenen Bedürfnissen ist, die dazu ermutigt, sich auf neue Fragen, Aufgaben, Herausforderungen aktiv und zuversichtlich einzulassen. “ Neben dem Bedürfnis nach Kompetenzerfahrung sind zwei weitere Bedürfnisse entscheidend, nämlich das Bestreben nach sozialer Eingebundenheit und der Wunsch nach autonomer Handlungsregulation.” (Krapp/Ryan 2002, S.72 / s.a. Krapp 1999, 2000/ Deci&Ryan 1993). Dies finden wir auch in unserem Beispiel:

– Kompetenzerleben. Das ist die Erfahrung, die Welt der Gegenstände und Aufgaben besser verstehen, in ihr handeln und die eigenen Grenzen erweitern zu können: Die Seifenkiste fährt wirklich!

– Autonomieerleben. Das ist die Erfahrung, auf die Wirksamkeit eigenen Denkens und Handelns vertrauen zu können: Dieses Fahrzeug haben wir in eigener Leistung nach eigener Vorstellung gebaut!

– Eingebundenheit. Das ist die Erfahrung, die Welt mit der Gemeinschaft anderer Menschen zu teilen und dieser Gemeinschaft anzugehören – andere zu verstehen und von ihnen verstanden zu werden: Auch die anderen, nicht zuletzt die Lehrer, verstehen und anerkennen diese Leistung: „Er setzt sich tatsächlich hinein … und wir können ins Rennen gehen!“

 

[1]           Dieser Abschnitt folgt weitgehend dem Text in Fauser/ Prenzel/ Schratz  2008, S. 8-10